Claridenfirn 
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Vom Wolf zum Laufhund

Canis Familiaris Intermedius


Wo der genaue Ursprung der Laufhunde liegt, ist vorderhand ungewiss. Vielleicht wird uns die Genforschung eines Tages weiterhelfen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war sich die Wissenschaft uneinig darüber, ob alle Hunde vom Wolf abstammen. So war etwa Konrad Lorenz, ein Verhaltensforscher, davon überzeugt, dass Schakale aufgrund ihrer Unfähigkeit, Großwild zu erlegen, mit Menschen zusammenarbeiteten.
Die Genforschung hat jedoch inzwischen große Fortschritte erzielt, und die alleinige Abstammung vom Wolf ist unbestreitbar.
Die Frage, wie es den Menschen gelungen ist, aus Wölfen Hunde zu züchten, bleibt jedoch bis heute unbeantwortet. Wölfe können nämlich nicht domestiziert werden. Es gab immer wieder dahingehende Versuche, die allesamt gescheitert sind.
Es herrscht unter Wissenschaftlern ein breiter Konsens darüber, dass Wölfe die Nähe zum Menschen aufgrund seiner Fleischabfälle suchten. Dieser Ansatz sollte jedoch kritisch hinterfragt werden: In der Eiszeit gab es zwar reichlich Wildbestände, und die Menschen waren angesichts der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen bereits hochentwickelt. Die Vorstellung, dass die Männer morgens mit ihren Speeren loszogen und abends mit Fleisch zurückkehrten, ist jedoch schlichtweg unrealistisch. Sie entspringt wohl eher der Fantasie von Menschen, die selbst nie gejagt haben und ihre Nahrung aus dem Supermarkt beziehen.  Selbst mit modernen Jagdtechniken ist es keine leichte Aufgabe, Beute zu machen. Hunger war für unsere Vorfahren ein ständiger Begleiter – ein Umstand, der sich in unserem eigenen Körper widerspiegelt, der regelmäßige Nahrungszufuhr mit Fettleibigkeit beantwortet. Die Produktion von Fleischabfällen und die Verschwendung von natürlichen Rostoffen ist eine Unsitte der Neuzeit - der Urmensch konnte sich sowas nicht leisten.
Spekulationen gedeihen, wenn die Faktenlage dünn ist. So gibt es die abenteuerlichsten Theorien zur Entstehung des Hundes:
Amerikanische Forscher berichten, dass womöglich Indianer begannen, Wölfe vor Schlitten zu spannen. Ein entsprechendes Experiment haben sie vermutlich nicht unternommen- es wäre ziemlich sicher gescheitert.
Ganz unserem Zeitgeist entsprechend, gibt es neuerdings auch Quellen, die der Frau bei der Domestikation des Wolfes eine Schlüsselrolle zuteilen. Begründet wird dies mit der Annahme, dass die Männer ständig auf der Jagd waren und die Frauen mit den Kindern in den Höhlen blieben, wo sich zutrauliche Wölfe annähern konnten. Verstärkt wird diese These mit der Tatsache, dass bei indigene Völker in Südamerika die Frauen auch heute noch Kinder und Hundewelpen gemeinsam säugen. Doch auch hier spricht die jagdliche Logik dagegen: Es ist unwahrscheinlich, dass die Männer der Eiszeit beim Beutemachen auf die Hilfe der Frauen verzichten konnten. Dazu unterschied sich der Lebenswandel der Menschen noch zu wenig von dem der Tiere. Ein Grund für die Domestikation des Hundes muss darin liegen, dass Menschen und Wölfe ähnliche soziale Strukturen und ein ähnliches Beuteschema hatten. Frauen hätten niemals überlebt, wenn sie nicht auch selber gejagt hätten.
Die Voraussetzung für die Führung eines Laufhundes ist Bescheidenheit und die damit verbundene Einsicht, dass der Mensch ein stümperhafter Jäger ist.  So können auch neue, historische Denkansätze entstehen. Es ist durchaus möglich, dass nicht die Wölfe die Nähe der Menschen suchten, sondern umgekehrt: Die steinzeitlichen Jäger suchten die Nähe der Wölfe, da diese effizienter beim Aufspüren des Wildes waren.  Folgende Überlegungen würden diese Theorie stützen:
1. Die Menschen gingen aufrecht, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass sie keine Fährten olfaktorisch aufspürten. Wölfe wären somit ein willkommenes Hilfsmittel gewesen.
2. Wölfe sind zwar schnell und ausdauernd, aber sie können gut trainierten Menschen über mehrtägige Distanzen nicht entkommen. Es ist somit möglich, einem Wolfsrudel auf den Fersen zu bleiben.
3. Beim Streit um die Beute ziehen Wölfe gegen bewaffnete Menschen den Kürzeren – die Aneignung von gerissenen Tieren könnte für unsere Vorfahren durchaus eine Art der Nahrungsbeschaffung gewesen sein


"Das Pleistozän war die Blütezeit der Caniden. Viele Arten und Unterarten existieren heute nicht mehr. Es ist gut möglich, dass der Urvater des Hundes einfach eine besonders zutraulicher Landschlag war. Fest steht lediglich, dass irgendwann irgendwo der Anfang eines einzigartigen Siegeszuges gemacht wurde."


Die Entstehung der verschiedenen Hundetypen ist eng verbunden mit der Entwicklung der Völker, die sie gehalten haben: Wo Ackerbau betrieben wurde und die Nahrungsaufnahme kohlenhydratreich war, entstanden andere Hundearten als bei Völkern, die sich Hauptsächlich von Fleisch ernährten. Hunde wurden in weiten Erdteilen über Jahrtausende als Bewacher, Gesellschaftstier und essbares Nutztier gehalten. Anderweitig wurden sie zu unverzichtbaren Jagdhelfern und Lebensgefährten, die in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert hatten. Jagdhunde wurden also nicht einfach herangezüchtet. Vielmehr ist ihr Wesen, unter anderem sehr familienfreundlich, eine logische Folge eines jahrhundertlangen Zusammenlebens zwischen Kaniden und jagenden Menschen.
Konvergenz ist, wenn zwei Tierarten, von der gleichen Lebensweise geprägt, eine ähnliche Morphologie aufweisen. So gleicht der Mauersegler einer Schwalbe, obwohl dieser nicht einmal zur selben Ordnung gehört.
Es ist daher möglich, dass Hunde, die von Kelten jagdlich geführt wurden, ein ähnliches Aussehen entwickelten wie jene, die in Ägypten eine identische Tätigkeit verrichteten. Wie schnell die Morphologie von Kaniden sich in menschlicher Obhut ändern kann, zeigt auf eindrückliche Weise das Experiment des russischen Biologen Dmitri Beljajew, das mit Silberfüchsen in den 50er Jahren gestartet wurde: Das Weiterzüchten der jeweils zutraulichsten Tiere änderte deren Form und Farbe über die Jahrzehnte.
Laufhunde sind den prähistorischen Hunden (Canis familiaris intermedius) und somit auch den Wölfen näher verwandt als die meisten anderen Hunderassen. Dies belegen die Schädelform mit dem markanten Scheitelkamm, der Körperbau und vor allem das eigenständige Wesen. Sie besitzen Instinkte wie Orientierungssinn und Jagdverstand, die anderen Hunderassen schon längst abhandengekommen sind. Laufhunde suchen bei schwierigen oder unlösbaren Aufgaben nicht sofort die Hilfe des Menschen – ein Verhalten, dass man von zahmen Wölfen kennt.  Typisch für Laufhunde ist der beharrliche Spurlaut, anhand dessen sich das Wild orientieren kann. Diese Hypertrophie ist unter Hunden einzigartig. Das Bellen von Wölfen hat eine Warn- und Signalfunktion, die in der freien Wildbahn eher selten angebracht ist. Beim Hund hingegen verleihen das soziale Umfeld und die damit einhergehenden Aktivitäten diesem Signal einen Mehrzweck.  Völlig wolfsatypisch sind die tiefhängenden Ohren des Laufhundes. Die Wissenschaft bezeichnet diese Erscheinung als Domestikationssyndrom. Es wird angeblich durch Zutraulichkeit begünstigt.
Bereits der Bronzezeit entnehmen wir Hinweise auf Hunde als Jagdhelfer. Aus der Pharaonenzeit gibt es zahlreiche Gemälde von Kaniden deren Körperbau eine Verwandtschaft mit den heutigen Jagdhunden suggeriert. Aus den bereits erwähnten Gründen muss dies aber nicht eine direkte Verbindung zum heutigen Laufhund herstellen.


Text: Simon Walti

Nächstes Kapitel: Vom Laufhund in der Antike

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